Beim 64. MOLTKE-FORUM am Donnerstag, dem 13.10.2011, referierte der Hannoveraner Sozialphilosoph Prof. Detlef Horster von der Leibniz-Universität in Hannover über das Thema „Wer die Wahl hat, hat die Qual – auch in moralischen Fragen“.
Horster führte zunächst aus, dass dem Menschen zur Zeit Homers gar keine freie Entscheidung zugestanden habe, er sei einer des Standes gewesen, und erst bei Platon habe es einen Übergang vom Stand zu den vier in die Eigenregie des Menschen gestellten Tugenden gegeben, die im Mittelalter dann noch um drei weitere, und zwar religiöse, erweitert worden seien. Als zentrale Bruchstelle des Umstiegs hin zur freien Entscheidung, weg von der Gebundenheit an etwas allgemein Vorgegebenes, sieht der Philosoph den Buchdruck um 1440 an, mit dem der Individualisierungsprozess eingesetzt habe. Um nun aber die persönlichen Erwartungen nicht ins Uferlose laufen zu lassen, habe es der Normen in Form von Ethiken bedurft, die sozusagen eine Orientierungshilfe angeboten hätten. Dabei habe Kant aber auch den Aspekt der Pflichten gegen sich selbst eingeführt. Das zentrale Problem, das sich nun mehr und mehr herausgeschält habe, sei das der/einer Dilemmasituation gewesen. Was ist, wenn zwei moralische Regeln in Konkurrenz zueinander treten, etwa die Rettung ungeborenen Lebens oder aber die Rettung des Lebens der Mutter. Dieses Dilemma führe unweigerlich zu einer Gewichtung der moralischen Entscheidungen. An zwei anschaulichen Beispielen führte Horster sodann aus, dass es entscheidend sei, welche moralische Motivation man besitze. Wie problematisch die Gewichtung von moralischen Entscheidungsgrundlagen sein könne, unterstrich er gleichwohl am Ende seines Vortrags, als er die Umfrageergebnisse einer Befragung kundtat, wonach über 50% der 40- bis 60-jährigen Bundesbürger die Mülltrennung für das wichtigste moralische Gebot hielten. In der anschließenden sehr angeregten Diskussion gaben vor allem die beiden Beispiele Horsters Grund für einen kontroversen Meinungsaustausch. Sehr zur Freude des Organisators besuchten ca. 150 Personen, darunter gut 70 SchülerInnen, das Forum. Dies macht Laune auf das nächste Forum am 17. November mit Herrn Prof. Lübbe.
Wolfgang van Randenborgh