"Wollen Menschen weltweit mehr Klimaschutz?"

Moltke-Forum Nr. 94 - 22.4.2026

Gast: Frau Prof. Teodora Boneva (Universität Bonn)

Thema: "Wollen Menschen weltweit mehr Klimaschutz?"

Topos: Die Menschen denken über ihren CO2-Abdruck nach!

 

Manchmal ist es so, dass man mit der Wahl der Foren-Themen und ihrer Protagonisten seiner Zeit voraus ist. Nun ist das Thema <Klimawandel> und vor allem <Klimaschutz> nicht mehr so ganz neu, die extremen Hitze-Perioden, die die BRD in den Monaten Juni/Juli heimsuchten, verstärkten aber noch einmal mit Virulenz das Thema. - 

Gleich zu Anfang ihres Vortrags stellte Frau Prof. Boneva die Ausgangsfrage in den Raum, wie es um die Bereitschaft der Menschen gestellt sei, etwas für den Klimaschutz zu unternehmen resp. den Klimawandel zu bekämpfen. Diesbezüglich gelte es zu untersuchen, ob denn tatsächlich - so ein weit verbreitetes Vorurteil - eine bedeutende Mehrheit der Menschen eben nicht bereit sei, sich bzgl. des Themas zu engagieren. Dass diese sich negativ auswirkende soziale Norm zu falsifizieren sei, zeigte Boneva anhand einer 1. (Klima-)Studie der Uni Bonn, einer repräsentativen Online-Umfrage in den USA im Jahre 2021. Um die individuelle Bereitschaft zu fördern, etwas aktiv für den Klimaschutz zu tun, bekamen die Probanden 450 US-Dollar, wobei ihnen freigestellt war, das Geld für sich zu behalten oder es aber ggf. in Klimaschutzprojekte zu investieren. Zunächst aber untersuchten die Wissenschaftler themenbezogene Verhaltensnormen: Demnach stimmten 62% der Untersuchungsteilnehmer der These zu, die Amerikaner versuchten, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, gar 79% waren der Meinung, dass die US-Amerikaner etwas gegen den Klimawandel tun sollten. Die Ergebnisse der Umfrage waren, dass diejenigen, die glauben, dass viele Amerikaner etwas gegen den Klimawandel machen, auch signifikant viel spenden. Zweitens stellte sich heraus, dass klimafreundliches Verhalten und soziale Normen, etwa, es wäre sinnvoll, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, "systematisch unterschätzt" würden. So gebe es z.B. einen großen Unterschied zwischen dem, was Leute zum Thema sagten, und dem, was Leute dächten, was andere machten. Interessant auch das Ergebnis, dass wenn man die Probanden über die tatsächlichen Zustimmungswerte informierte, diese auch bereit waren, diesbezügliche Politikmaßnahmen zu unterstützen. Um die auf diese Weise eruierten Daten zu unterlegen,    verwies die Wirtschaftswissenschaftlerin auf eine von einem wissenschaftlichen Team der Uni Bonn - unter Einschluss ihrer selbst - im Jahr 2024 erstellte 2. (Klima-)Studie: <Globally Representative Evidence on the Actual and Perceived Willingness to fight Climate Change>, die weltweit erste wiss. Studie zu diesem Themenbereich. Hier wurden in 125 repäsentativen Länderstichproben insgesamt 129.902 Personen befragt. Die übergeordnete Frage lautete: Wie bereit sind Menschen weltweit, gegen den Klimawandel zu handeln? Sicher überraschende 69% wären weltweit bereit, sich auch finanziell am Klimaschutz zu beteiligen; bei 114 Ländern lag die Quote bei über 50%. Das würde bedeuten, dass diese Menschen auch bereit wären, 1% ihres Einkommens für den Klimaschutz auszugeben. Ebenfalls überraschend, dass die Zustimmungsrate in China bei weitem am höchsten lag. Noch deutlich höher lagen die Zustimmungswerte bei der Zustimmung zu klimafreundlichen Normen bzw. zur Unterstützung politischen Handelns. Wichtig auch, dass in den Ländern, in denen der "Vulnerability-Index" sehr hoch ist, auch die Bereitschaft, etwas für den Klimaschutz zu tätigen, sehr viel höher liegt. Boneva wies letztlich auf das Paradoxon hin, dass es bei den Menschen einen wissenschaftlich nachweisbaren sehr beachtlichen Zustimmungskoeffizienten zur Unterstützung des Klimaschutzes gebe, in der Öffentlichkeit aber ein systematischer und universeller Pessimismus hinsichtlich der Handlungsbereitschaft anderer vorhanden sei. Zuletzt zeigte die Wirtschaftswissenschaftlerin noch auf, dass ihre Studie eine erhebliche Aufmerksamkeit erregt habe, so z.B. in den <NBC News> oder im englischen <Guardian>, auf deutsches Medien-Terrain bezogen, im <Spiegel> in der <FAZ> oder in der <ZEIT>. Last but not least inspiriere ihre Forschung eine globale Bewegung, nämlich das "89 Percent Project". - 

In der anschließenden Diskussion ging es u.a. um die Frage, wie die Politik konkrete Forderungen an die Bevölkerung stellen könne. Boneva meinte, alles fange zunächst im privaten Umfeld an, und da sei eine Umkehr im Verhalten klar erkennbar. Auch seien die sozialen Normen im Wandel, Stichpunkt: veganes/vegetarisches Essen. Die Politik hingegen mache viel zu viel für Lobbygruppen. Allerdings dürfe die Politik mit und in ihren Forderungen auch die Bevölkerung nicht überreizen oder finanziell überfordern: Stichpunkt: Wärmepumpe. Es käme vor allem darauf an, für jedwede Form der Umweltverschmutzung zu zahlen, was bedeute, dass die Flugpreise beispielsweise viel zu niedrig seien. Und es sei wichtig, dass auch noch so kleine Verhaltensveränderungen eben von vielen durchgeführt würden! Es müssten aber auch die Voraussetzungen für eine Verhaltensänderung geschaffen werden, siehe Fahrradwege und diesbezüglich das Vorzeigeobjekt Kopenhagen. -

Am Ende stand ein dankbarer und herzlicher Applaus für eine wissenschaftlich grundierte, sehr sachliche Darlegung eines Verhaltenskodexes, der der öffentlichen Meinung im Hinblick auf die je eigene Bereitschaft zum Klimaschutz eindeutig widerspricht. -

In der ZEIT, Nr. 29 vom 2.7.2026, hat Stefan Schmitt der Hoffnung Ausdruck verliehen, die kaum für möglich gehaltene Hitzeperiode Ende Juni '26 berge die "Chance einer konstruktiven, pragmatischen, verbindenden Reaktion." Diese "verbindende() Reaktion" zu konkretisieren, hätte der Vortrag einen wegweisenden Rahmen gegeben, allein die nicht für möglich gehaltene mangelhafte Besucherresonanz ließ diese Chance verpuffen - schade.     

(Wolfgang van Randenborgh, im Juli 2026)