Moltke-Forum Nr. 93 - 04.12.2025
Gast: Frau Prof. Dr. Kerstin Storm (Universität Münster)
Thema: "Nichts ist besser als zu lernen". Überlegungen zum Lernen in und über China!
Topos: "I never said all that shit" (Confucius)
Teil 1: Lernen im traditionellen kaiserlichen (alten) China - Konfuzius (551 - 479 v.Chr.)
Ihren Vortrag leitete die Münsteraner Sinologin mit der Frage "Warum das Thema Lernen?" ein, um sogleich auf den taiwanesischen Wissenschaftler Thomas H.C. Lee zu verweisen, der den chinesischen Bildungswert auf den Punkt gebracht habe. Die kulturgeschichtliche Bedeutung der Bildung in China sehe jener in drei Aspekten:
1) Die Bildungstradition in China sei ein bedeutender Grund der chinesischen
Zivilisationsgeschichte;
2) Diese Zivilisationsgeschichte sei tief im chinesischen Denken verankert, und
3) der Einfluss der chinesischen Bildung sei nicht auf China beschränkt, sondern habe sich
auf weite Teile Asiens ausgedehnt.
Sodann ging Storm auf Konfuzius ein, der sich verstanden habe als jemand, der die vorhandenen überlieferten Lehren an die nachfolgenden Generationen weitergeben wolle. Daran anknüpfend thematisierte die Professorin einige der markantesten Konfuzius-Sprüche, als da sind
a) "Der Meister sprach: 'Früher lernte man um seiner selbst willen, heute lernt man für andere'." (Lunyu 14.24 - Lunyu sind die gesammelten, Konfuzius zugeschriebenen Worte).
Als übergeordnetes Ziel sah Konfuzius den sowohl bildungstechnisch wie moralisch - wünschenswerten - vollkommenen erwachsenen Menschen: "chengren".
b) "Der Meister sprach: 'Lernen, ohne zu denken, ist vergebliche Müh'; denken, ohne zu lernen, ist gefährlich'." (Lunyu 2.15) Das Lernen überlieferter Inhalte wird in Bezug gesetzt zum eigenständigen Denken.
c) "Der Meister sprach: 'Einst habe ich einen ganzen Tag lang nicht gegessen und eine ganze Nacht lang nicht geschlafen, um nachzudenken mit dem Resultat: Nichts ist besser als zu lernen." Diesen Sprüchen übergeordnet sei das Ziel der <Selbst-Kultivierung>.
Aber die konfuzianische Lehre zielte nicht nur auf das Individuum ab, sondern auch auf das Kollektiv, die Gesellschaft. Diese Gedanken seien im "Buch der Riten" - einem von fünf Klassikern, die das chinesisches Curriculum begründeten, das von 178 v.Chr. bis 1905 (!) das chinesische Leben determinierte - grundgelegt, in dem Begriffe wie "Gleichmaß", 'Kultivierung' und 'Aufrichtigkeit' eine zentrale Rolle spielten. Das Curriculum diente aber auch als Grundlage der Beamtenprüfungen, die bei Bestehen den höchsten gesellschaftlichen Status garantierten. Die Prüfungsgegenstände hatten den "Generalisten mit moralischer Integrität" zum Ziel. Nur ein Bruchteil der Bewerber bestand sie jedoch; so unterlagen die Prüfungen selbst neben dem breitgefächerten Prüfungsdruck enormen körperlichen Anstrengungen. An einem Gedicht des Bewerbers Meng Jiao (751 - 814), der erst beim dritten Versuch die Prüfung bestand und der dann noch weitere vier Jahre warten musste, bis er - 49-jährig - in den Staatsdienst übernommen wurde, versinnbildlichte Storm die potentielle Frustation der Prüflinge. Zusammenfassend resümierte sie, dass es beim Lernen eben um die Selbst-Kultivierung, aber auch um die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs gegangen sei. Was das heutige China anbelange, so sei seit zwei Jahrzehnten eine Re-Konfuzianisierung im Hinblick auf eine chinesische Identität erkennbar.
Teil 2: Lernen über (das neue) China
Im zweiten Teil ging es Storm vor allem um die Frage, was wir in Deutschland eigentlich von und über China wüssten und woher unsere 'Kenntnis' stamme. Ihre Ausgangsthese lautete, dass wir trotz fehlender Sachkenntnis ein extrem negatives Chinabild besäßen. Als Gründe führte sie an, dass in den Schulen wenig über China vermittelt werde. An den Universitäten sei das Fach Sinologie in der Regel nur ein sogen. "kleines Fach", was letztlich auch die finanzielle Ausstattung negativ betreffe. In den Medien herrsche meist eine einseitige Berichterstattung vor. Die Frage, die sich stelle, sei, interessiere China uns schlicht nicht, und wie passten diese Gründe zusammen mit der wachsenden Bedeutung Chinas in der geopolitischen Gemengelage? Auch lasse die Zahl der Sinologiestudenten seit Jahren nach. Anhand von zehn ausgewählten Covern des <Spiegels> wies Storm vor allem auf das immer wieder rassistische Motiv der lancierten "gelben Gefahr" hin. In der Politik wenigstens habe das zu einem Umdenken geführt. Seit 2016 fördere die jeweilige Bundesregierung das Programm der "China-Kompetenz(en)" auf verschiedenen Gebieten, so z.B. den interkulturellen Kompetenzen. Drei Maßnahmen, um die offensichtlichen Mängel zu beheben, seien derzeit in Deutschland erkennbar: Da sei zum einen der regierungsseitig geförderte regionale Ausbau der China-Kompetenz in der Wissenschaft, die sogen. "China-Kompetenz-Zentren", sodann Projekte der Übersetzungen gegenwärtiger Debatten in China und als Drittes der Ausbau von Projekten/AGs an Schulen zum Zwecke eines differenzierten China-Bildes. Ferner verwies Storm auf eine Studie der Potsdamer Sinologin Ágota Révész, die das China-Bild der deutschen Medien zwischen 2018 und 2024 untersucht habe und zu einem "vernichtenden Bild" im Hinblick auf die gänzlich einseitige Darstellung Chinas gekommen sei, die sich auf Spionage, Bedrohung, Sicherheit und auf Abhängigkeit reduziere, in dem China quasi einzig als ständiger Rivale oder ständige Bedrohung gezeigt werde. Die Medien stellten summa summarum China als "Sicherheitsbedrohung" dar. Kulturelles z.B. spiele so gut wie keine Rolle in der Medienberichterstattung.
Zum Abschluss ihrer Darlegungen zog Storm ein Fazit: Das Lernen in China war bis 1905 - über 2000 Jahre hinweg - "humanistisch geprägt" als Grundlage der Gesellschaft. Das Ziel war die "moralische Integrität des Menschen". Das Lernen über China in Deutschland sei mehr als ausbaufähig; hier komme der chinesischen Sprache eine wesentliche Bedeutung zu. -
In der anschließenden Diskussion ging es um den Widerspruch von Stereotypen und der chinesischen Wirklichkeit, außerdem darum, dass es auch in der chinesischen Bevölkerung sehr wohl politsche Debatten gebe. Die Hochschullehrerin bestätigte allerdings das sehr anspruchsvolle Auswahlverfahren und den damit einhergehenden Druck zwecks des Hochschulzugangs.
Frau Storm zeigte sich sehr angetan von dem Format der Reihe sowie von der Aufmerksamkeit und Diskussionsbereitschaft des Publikums. Dies seinerseits brachte seinen Respekt und seinen Dank für eine wissenschaftlich, aber auch menschlich höchst überzeugende Referentin durch lang anhalten Beifall zum Ausdruck.
(Wolfgang van Randenborgh, April 2026)