Helmut Hentrich hat einmal gesagt, die Aufgabe einer nachfolgenden Generation sei es, die Kulturgüter seiner Zeit zu schätzen und vor Sünden in der Zukunft zu bewahren. "Unsere Generation trifft dje Schuld, sich nicht genügend gewehrt zu haben", bedauerte der inzwischen verstorbene Krefelder Architekt bei der Ausstellungseröffnung seines großen Vorbildes August Biebricher 1982 im Kaiser-Wilhelm-Museum: Schaut man sich heute die Bauten des über die Grenzen hinaus bekannten Seidenstädter Architekten Professor August Biebricher an, sind bauliche Veränderungen teils unverkennbar.
"Es ist das große Unglück", so Hentrich, "dass an seinem Werk nach dem Kriege solche so genannten Verbesserungen vorgenommen wurden, die den schönen Bauten sehr schlecht bekommen sind."
Markantes Beispiel ist das 1912 bis 1915 nach einem Wettbewerb errichtete Gymnasium am Moltkeplatz (ehemals Realgymnasium) mit dessen Bau das Ansehen Biebrichers in Fachkreisen wuchs. ln Betrieb genommen wurde die Schule, die zu den qualitativ anspruchvollsten öffentlichen Bauten in Krefeld zählt,
im Juni 1915 nach zehnjähriger Planungs- und Bauzeit. Die schlossähnliche Dreiflügelanlage mit pavillonartigem Dachaufbau ist über 180 Meter lang und sollte ursprünglich als Ausgangspunkt für ein neues Nebenzentrum dienen. Auffällig ist der vorstehende Haupteingangsbereich. Auf dem anschließenden Geschoss stehen acht allegorische, die Wissen- schaften symbolisierenden Statuen.
Heute sind viele Teile des Baus verändert: der Spiegelweiher mit der Gartenanlage vor dem Hauptportal etwa oder die kleinsprossigen Fenster, die durch neue ersetzt wurden, das durch einen Gang mit dem Schulgebäude verbundene Direktorenwohnhaus an der Bismarckstraße wurde vernichtet, die alte Aula, die mit ihrem von Säulen gestützten Umgang und der Rosetten-Kassettendecke zu den schönsten neoklassizistischen Sälen Krefelds zählte, im Krieg zerstört.
Helmut Hentrich erinnerte sich gut an seine alte Penne: Sein Vater vertrat als Beigeordneter den Bauherrn, die Stadt. Von da an verfolgte der damals 14-Jährige das Wachsen der Biebricher Bauten in Krefeld mit großem Interesse. Kurz darauf, 1922, lernte er in Biebrichers Büro die ersten Kniffe der Architektur: "Dem Meister zu begegnen, war ein Erlebnis. Er hatte das Talent, jungen Menschen Architektur nahe zu bringen und zugleich Gestalten zu lehren."
Die in sich geschlossenen, gediegenen Bauten, die den traditionsgebundenen, soliden Ansprüchen der Bauherren gerecht wurden, waren Vorbilder für viele Biebricher-Schüler und prägen einen Teil des Krefelder Stadtbildes.
In den östlichen und nordöstlichen Randgebieten ließen die zahlreichen Auftraggeber aus dem wohlhabenden Bürgertum ihre Wohnhäuser in vornehmer Schlichtheit in die Landschaft bauen. Die Verschmelzung von Baukörper, Raum und Einrichtung sowie die Integration des Gebäudes in die Landschaft waren typisch für von Biebrichers Stil. Da er Fabrik- oder Verwaltungsgebäude kaum, Massenwohnungsbau nur in Ausnahmefällen entwarf, kommt dies insbesondere in seinen Wohnhäusern -wie etwa in dem ehemaligen Haus Oetker -zum Ausdruck.
Das heutige Mutterhaus der DRK-Schwesternschaft an der Hohenzollernstraße 91 wurde 1927/28 als repräsentatives Anwesen inmitten eines großen Parks für den Textilfabrikanten Rudolf Oetker gebaut und ist beispielhaft für die verschiedenen Tendenzen in den 20er Jahren. Hier lehnte sich Biebricher an die Landhäuser des 18. Jahrhunderts an und zitierte in seiner zurückhaltenden Sprache barocke Formen. Der Bau wird durch den Eingang mit einem schmiedeeisernen Balkon über der mit barocken Schnitzereien verzierten Tür betont.
Die gediegene Inneneinrichtung, die der Bauherr mit barocken Kunstwerken wie einem aus dem alten Berliner Stadtschloss stammenden Parkettfußboden von 1780 und einem französischen Kachelofen aus der gleichen Zeit ausstattete, verdeutlichen den Rückzug ins Privat-Biedermeierliche.
"Es ist ein einladendes Haus, in dem man die Liebe des Architekten zum Detail liest" , erklärte DRK-Oberin Karin Meincke. "Auf Jahrhunderte hinaus", prophezeite schon Biebricher, "wird sich die Persönlichkeit des Architekten, sein Wollen und Können in seinen Bauten widerspiegeln. Sie sind ein Stück Kulturgeschichte, ein Dokument der Zeit und der Menschen, unter denen es entstand."
Zur Person: August Biebricher
Ein Zufall führte den im Juni 1878 in Bleialt, Kreis Trier, geborenen und Juni 1932 gestorbenen August Biebricher nach Krefeld: Nachdem er sein Studium an der Erweiterten Handwerkerschule in Gießen und der Technischen Universität Darmstadt abgeschlossen hatte, übernahm er 1904 für den Kirchenbaumeister Ludwig Hoffmann die Bauleitung der neuen Pauluskirche. Während seiner Studienzeit bereits hatte er in Hoffmanns Büro gearbeitet. Nach seiner Mitarbeit im Düsseldorfer Büro von Peter Behrens wurde Biebricher 1905 an die hiesige Kunstgewerbeschule, die er später auch leitete, berufen -der Einstieg in das Krefelder Baugeschehen: In der folgenden Zeit baute er etwa die Tribünen für den Besuch des Kaisers (1906), stellte 1907 sein erstes Wohnhaus an der Wilhelmshofalle 84 fertig und gewann den Wettbewerb um den Entwurf des Realgymnasiums am Moltkeplatz. Seine wichtigsten Wohnhäuser im klassischen Baustil -etwa das Haus Gustav de Greiff, Hohenzollernstraße 21, oder das Landhaus Fritz Junkers, Talring 130, -entstanden zeitgleich. Zu den bekannten öffentlichen Bauten gehören die Tribünen auf der Galopprennbahn und die Volksschule 49 am Danziger Platz -sein letztes Werk.